Rebmutationen

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Beerenfarbenmutation bei Traminer

Eine Mutation (lat. mutare „ändern,verwandeln“) ist eine dauerhafte Veränderung des Erbgutes.[1] Der Fachbegriff wurde vom Botaniker Hugo de Vries 1901 geprägt.[2] Sie betrifft zunächst nur das Erbgut einer Zelle, wird aber von dieser an alle eventuell entstehenden Tochterzellen weitergegeben.[3][4]

→ siehe Hauptbeitrag Mutaton auf Wikipedia

Mutationen bei Grauburgunder

Farbmutanten sind bei Burgundersorten, insbesondere beim Grauburgunder (Ruländer) häufig. Oft sind einzelne Beeren oder sogar alle Trauben eines Triebes verschieden von den übrigen Beeren oder Trauben des Stockes. Mit gutem Auge erkennt man sogar "geteilte" Beeren, die Beeren sind segmentartig in einer anderen Beerenfarbe. Das heißt exakt eine Hälfte der Beere ist gefärbt (als Grauburgunder), die andere Hälfte ist durchgefärbt zum Weißburgunder. Bei der Rebsorte Grauburgunder kann die Beerenfarbe sowohl hellschalig sein, also zum Weißburgunder umgeschlagen, als auch dunkelschalig sein, demnach in die Färbung des Spätburgunders übergehen. Dies zeugt davon, dass sich die drei Burgundersorten lediglich in der Beerenfarbe unterscheiden, Blattform und Habitus bleiben gleich.[5] Der verbreitete Grauburgunder Rebklon Fr-49-207 neigt stärker zur Mutation, als die meisten übrigen Klone.

Mutationen kommen bei Reben oft vor, fallen aber selten auf, da sie häufig nur einzelne Blätter, Triebe oder Beeren betreffen.

Man geht heute allgemein von der These aus, dass früher alle Reben dunkle Beeren hatten, schließlich ist das Erbgut in Sorten wie Riesling oder Silvaner noch so veranlagt, dass diese rote Anthocyane bilden können, wenn die Gene entsprechend aktiviert werden (Roter Riesling, Blauer Silvaner). Der graue Farbton der Sorte Ruländer kann demnach als "Zwischenstufe" gesehen werden. Daher ist es leicht zu verstehen, das die Färbung immer wieder zwischen Spätburgunder und Weißburgunder hin und her "springt" (= mutiert).

Der deutsche Entdecker der Ruländer–Mutation war sozusagen auch der Entdecker der Rebsorte Ruländer, nämlich Johann Seger Ruland aus Speyer, ein Kaufmann, der in einem verwilderten Garten 1709 diese "neue" Rebsorte entdeckte, intensiv beobachtete und weiter vermehrte. Durch seinen Geschäftssinn als Kaufmann trug er sie erfolgversprechend vielen Winzern an und lobte sie entsprechend, was sicherlich sehr zum frühen Renommée der Sorte beitrug.

Mutationen bei der Pflanzguterzeugung

In der Pflanzgutvermehrung erfolgt ein jährliches Begehen der Weinberge (Mutterrebenbestände), die der klonenreinen Vermehrung dienen. Dabei wird eine Negativ-Selektion durchgeführt, wobei alle kranken, auffälligen und mutierenden Rebstöcke mit roter Farbe oder rotem Selektionsband negativ gekennzeichnet werden. Zudem werden die gekennzeichneten Reben zahlenmäßig dokumentiert, die nicht in die Rebvermehrung gelangen. Um möglichst alle Mutationen zu erkennen, ist ein Begehen der Rebanlagen erst zeitnah vor der Ernte möglich.

Aber nicht nur der Rebzüchter, auch wer als Winzer mit geschultem Auge durch seine Weinberge geht, entdeckt immer wieder mehr oder weniger große Auffälligkeiten einzelner Stöcke. Nicht immer sind das Mutationen, auch Viruserkrankungen können zu einem anderen Wuchshabitus und geänderter (aufgelockerter) Traubenform führen. Da Mutationen immer spontan und nie zielgerichtet sind, wird es auch bei streng selektioniertem Pflanzgut immer wieder der Fall sein, dass einzelne Reben mutieren. Dies ist kein Verschulden des Rebveredlers, der schließlich in der Rebschule nicht erkennen kann, wenn einzelne Reben schon ohne Traubenbehang mutieren oder die Mutation erst im Jungfeldjahr stattfindet. Lediglich wenn diese gleichmäßig (zeilenmäßig verteilt) oder auffällig häufig vorkommen, kann man mit hoher Sicherheit von einer Sortenverwechslung in der Rebschule oder bei der Pflanzgutausgabe ausgehen.

Im Regelfall sind diese Veränderungen negativ, besonders wenn Krankheiten wie z. B. die Reisigkrankheit oder infektiöse Panaschüre die Ursache ist. Nur in seltenen Fällen stellt die Mutation eine Verbesserung oder eine Verbreiterung der genetischen Variabilität dar, die erhaltenswert ist. So ist bekannt, dass Reben durch Mutationen auch diploid werden können, die Beeren sind dann viel dicker. Diese "Superrieslinge" oder "Supersilvaner" sind recht häufig und für Winzer ein Grund, beim Rebzüchter anzufragen.

Stabile Traubenmutationen, die die Traubenstruktur betreffen (Lockerbeerigkeit, weniger geschulterte Trauben, Verrieslungsstabilität) können jedoch züchterisch bei der Auslese verbesserter Klone sehr wertvoll sein. Auch ein aufrechter Wuchs kann ein solchermaßen positives Merkmal darstellen.

Das Erkennen und bewerten solcher Mutationen innerhalb einer Rebsorte ist demnach die Grundlage für die Klonenzüchtung, indem positive Eigenschaften eines so gekennzeichneten Rebstockes gezielt vermehrt werden. Diese Positiv-Auslese dient zunächst der Sichtung, ob diese Eigenschaften auch über längere Zeit stabil sind, oder nur in einem Jahr auftraten. Erst dann werden zunächst im kleinen Maßstab die gekennzeichneten Einzelstöcke separat vermehrt. Erweist es sich als zutreffend, dass die positiven Eigenschaften auch an die Nachkommen weitergeben werden und somit stabil bleiben, so können aus diesen Beständen neue Klone aufgebaut werden.

Einzelnachweise

  1. Herder Lexikon der Biologie, 2004: Mutation w [von latein. mutatio = Veränderung; Verb mutieren], spontane, d.h. natürlich verursachte, oder durch Mutagene induzierte Veränderung des Erbguts (Veränderung der Basensequenz), die sich möglicherweise phänotypisch (Phänotyp; z.B. in Form einer "Degeneration") manifestiert.
  2. Kegel, Bernhard: Epigenetik. Köln. ³2010. S. 35.
  3. Rolf Knippers (1997). Molekulare Genetik, Thieme, ISBN 3-13-477007-5: Mutationen sind vererbbare Veränderungen der genetischen Information.
  4. aus Wikipedia
  5. Leo-Friedrich Keiper (Winzermeister) & Gerd Götz (Weinbauberater DLR Rheinpfalz), 16.1.2014

Literatur