Falscher Mehltau der Weinrebe

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Falscher Mehltau
Plasmopara viticola
(Berk. & M.A. Curtis) Berl. & De Toni, 1888
Synonyme
Peronospora viticola, Plasmopara amurensis, Botrytis viticola, Rhysotheca viticola, Lederbeerenkrankheit, Peronospora
Perobefall an Hausstamm (2).jpg
Systematik
Abteilung Oomycota
Unterabteilung Incertae sedis
Klasse Peronosporea
Unterklasse Peronosporidae
Ordnung Peronosporales
Familie Peronosporaceae
Gattung Plasmopara


Krankheitsbild

Alle grünen Rebteile können befallen werden.

Blattinfektionen sind ab Mai möglich. Auf befallenen Blättern werden zunächst gelblich-ölige Aufhellungen (= Ölflecken) sichtbar, die bei Rotweinsorten auch gelb-rötlich erscheinen können. Kurz danach erscheint an diesen Stellen auf der Blattunterseite ein weißer Pilzrasen (Ausbruch), gefolgt von einer Nekrosebildung (abgestorbenes, braunes Blattgewebe). Bei starkem Befall fallen die Blätter ab (Blattfallkrankheit!).

Auch Blüten und Beeren können befallen werden. An Gescheinen und jungen Beeren wird dann ebenfalls ein weißer Pilzrasen sichtbar. Ab Erbsengröße der Traubenbeeren (BBCH 75) entsteht kein Pilzrasen mehr, sondern der Pilz wächst im Beereninnern. Die Beeren färben sich bläulich-violett (= Lederbeeren). Nach dem Erreichen dieses Entwicklungsstadiums können Beeren nicht mehr infiziert werden.


Hier einige Bilder mit massiven Peronospora-Befall aus dem Extremjahr 2016. Die Bilder zeigen weitgehenden Totalschaden an Blatt und Geschein. Die Krankheit heißt auch Blattfall-Krankheit, dieses Jahr wird man verstehen, warum.


Im Jahr 2016 sieht man durch die Peroepidemie sehr unterschiedliche Schadbilder der Krankheit, die sonst so nicht vorkommen (siehe Bildergalerie unten). Meist ist es die Sorte Müller-Thurgau, die extremen Ball aufweisen kann.

So wächst der Pilz in die Nodien oder Triebspitzen ein, die dann brechen oder der obere Teil stirb ab. Auch Ranken werden infiziert und sporulieren. Schließlich bilden sich sporulierende Ölflecke auf auf der Blatt-Oberseite!

Lebensweise

Entwicklungskreislauf der Perospona

Der Pilz ist ein obligater Endoparasit und wirtsspezifisch. Das bedeutet: Der Pilz dringt in die infizierten Reborgane ein und kann auch nur die Weinrebe befallen. Er ist stets auf grünes Rebgewebe angewiesen. Die Überwinterung erfolgt als Winterspore (Oospore) in befallenem Reblaub und Trauben und im Boden. Die dickwandigen Wintersporen sind Überdauerungssporen und über mehrere Jahre lebensfähig. Der erste Befall (Primärinfektion, Bodeninfektion) kann erst bei mindestens 8 °C Bodentemperatur und gut durchfeuchtetem Erdreich stattfinden. Die Wintersporen bilden einen Keimschlauch mit einem gestielten Primärsporangium an dessen Ende. Diese Sporangien können durch Niederschläge auf grüne Rebteile verfrachtet werden und entlassen dort bis zu 60 bewegliche Sporen (Schwärmsporen, Zoosporen). Mithilfe von zwei Geißeln bewegen sich diese Zoosporen bis zu einer Spaltöffnung, werfen die Geißeln ab und bilden einen Keimschlauch, der als Pilzhyphe durch die Spaltöffnung in die Zellzwischenräume des Blattgewebes einwächst. Durch Verzweigung der Pilzhyphen entwickelt sich das auch als „Myzel“ bezeichnete Pilzgeflecht. Von den Hyphen ausgehend bilden sich „Saugfortsätze“ (Haustorien) in die Blattzellen wodurch der Pilz seine Nahrung bezieht. Auf dem Blatt werden dadurch die so genannten “Ölflecken” sichtbar. Außer Blättern können Gescheine und bei späteren Infektionen auch Trauben befallen werden.

Inkubationszeitkurve Perospona

Die Zeit von der Infektion bis zum Sichtbarwerden des "Ölfleckes" bezeichnet man als Inkubationszeit. Die Dauer der Inkubationszeit ist temperaturabhängig. Unter optimalen Bedingungen dauert die Inkubationszeit nur 4 Tage.
Nach Ablauf der Inkubationszeit wachsen bei Temperaturen ab ca. 12 °C, absoluter Dunkelheit und mehrstündiger Blattnässe durch Regen oder Tau neue Sporangienträger durch die Spaltöffnungen (Ausbruch). Die daraus entlassenen Zoosporen führen bei Feuchtigkeit auf der Blattunterseite und Temperaturen zwischen 6 °C und 30 °C zur zweiten Infektion. Der vorgenannte Ablauf wiederholt sich im Laufe des Sommers vielfach. Bei für Peronospora günstigen Witterungsbedingungen kommt es zu weiteren Infektionen, so dass sich die Krankheit epidemieartig ausbreiten kann.

Sommersporenform
Die Entwicklung erfolgt im Jahr mehrmals aufeinander.
1) Schnitt durch ein Rebblatt mit dem zwischen den Zellen wuchernden Pilzgeflecht.
2) Querschnitt eines Rebblattes. Aus der Spaltöffnung herauswachsende Sporenträger mit Sporenbehältern.
3) Sporenbehälter mit austretenden Schwärmsporen.
4) Schwärmsporen.
5) Schwärmer, Schwimmfäden abgestoßen.
6) Keimschlauch.
7) In die Öffnung eines Blattes einwachsender Keimschlauch.
Geschlechtliche Entwicklungsform
Bildung von befruchtenden Dauersporen (Wintersporen)
1a) Befruchtung der weiblichen Zelle
2a) Dickhäutige, Befruchtete Dauerspore (Winterspore)
3a) Keimschlauch mit Primärsporenbehältern, aus dem bis 60 Schwärmsporen hervorgehen

Zwischen dem Ausbruch und der Neuinfektion vergehen bei günstigen Bedingungen oftmals nur 4 Stunden. Besonders bei gewittrigen Starkregen können bis in den Sommer hinein Boden- und Blattinfektionen nebeneinander auftreten. Vorwiegend im Herbst bilden sich in befallenem Gewebe neue Oosporen (Wintersporen) als Voraussetzung für die Primärinfektion im kommenden Jahr.

Bekämpfung

Der Termin für die erste Bekämpfung der Peronospora kann recht einfach und damit für die Praxis ohne größere Hilfsmittel, aber auch recht differenziert mittels Agrarwetterstationen ermittelt werden. Praxisüblich ist bisher folgende Vorgehensweise:
Der amtliche Rebschutzdienst informiert darüber, ab wann die Keimfähigkeit der Wintersporen erreicht ist, was bei entsprechender Witterung zur Primärinfektion führen könnte. Von einer Primärinfektion muss ausgegangen werden, wenn nachfolgende Bedingungen erfüllt sind (so genannte 10er-Regel):

  • Mindestens 10 mm Regen (zumindest teilweise als Platzregen) innerhalb von 2 - 3 Tagen
  • Mindestens 10 °C Lufttemperatur in diesem Zeitraum
  • Trieblänge 10 cm, da dann erst die Spaltöffnungen voll ausgebildet sind

Ab dem Datum der Primärinfektion wird die voraussichtliche Inkubationszeit dazugerechnet. Die Inkubationszeit wird anhand der jeweils regional ermittelten Temperaturverläufe vom amtlichen Rebschutzdienst ermittelt und bekannt gegeben. Vor Ablauf der Inkubationszeit ist zu behandeln, um die Zweitinfektion zu verhindern. Da die Inkubationszeit bei günstigen Witterungsbedingungen bis auf 4 Tage zurückgehen kann und bei "Peronosporawetter" ständig Infektionen stattfinden können, ist im weiteren Verlauf ein wirksamer Mittelbelag auf den grünen Rebteilen vorzuhalten. Die weiteren Spritzungen bzw. Spritzabstände haben sich dann nach dem Witterungsverlauf, dem Ausmaß des Neuzuwachses sowie der Wirkungsdauer der eingesetzten Mittel zu richten. Die Abschlussbehandlung erfolgt zu Reifebeginn (Rebentwicklungsstadium 81, ES 81).
Bei der Bekämpfung in Jungfeldern und Rebschulen ergeben sich geringfügige Abweichungen. Aufgrund des starken Neuzuwachses sind diese ab Mitte Juni bis Anfang September bei Verwendung von Kontaktfungiziden wöchentlich, bei Verwendung lokalsystemischer Mittel im Abstand von 10-14 Tagen zu behandeln.
Neben der beschriebenen bisher üblichen Vorgehensweise, besteht auch die Möglichkeit Peronospora auf der Basis von Prognosemodellen zu bekämpfen. Grundprinzip dieser Modelle ist die genaue Messung der für die Lebensweise und das Auftreten relevanten Daten (v. a. Niederschläge, Blattnässe, Temperatur). Da gewittrige Niederschläge regional sehr unterschiedlich auftreten, ist je nach Geländestruktur ein mehr oder weniger dichtes Netz von Agrarwetterstationen notwendig. Alternativ können über sogenannte Thermohygrographen oder einfache Wetterstationen wertvolle Daten erhoben und für eine Bekämpfungsstrategie genutzt werden. Auf die nähere Beschreibung von Prognosemodellen wird hier verzichtet.

Das frühe Erscheinen von Ölflecken ist als Warnsignal für einen schnellen Befallsaufbau zu sehen.(Plasmopara viticola)
Infizierte Gescheine und Trauben können die Folge einer unzureichenden Behandlung sein.

Peronospora-Bekämpfungsstrategie

Der Peronospora-Befall in den Rebanlagen äußert sich jahresabhängig sehr unterschiedlich. Der Grund hierfür ist die Witterung des jeweiligen Jahres. Im Gegensatz zu anderen Schaderregern spielt der Vorjahresbefall nur eine untergeordnete Rolle, denn nur in regenreichen Jahren bzw. in typischen Befallslagen sind entsprechende Probleme zu erwarten. Nach dem Austrieb der Reben gilt es nun in Befallslagen eine sichere Strategie für die Saison vorzubereiten. Durch eine entsprechende Mittelwahl und günstige Spritztermine kann ein ertrags- und qualitätsgefährdender Befall vermieden werden.

Nach mehreren Jahren ohne größere Probleme in den meisten Weinbauregionen waren 2009 manche Rebanlagen stark vom Falschen Mehltau betroffen. Aufgrund der idealen Entwicklungsbedingungen für den Erreger waren bereits im Mai erste Ölflecke zu finden. Die häufigen Regenfälle in den Monaten Juni und Juli führten mancherorts nahezu täglich zu Infektions- und Sporulationsbedingungen. Ein teilweise starker Befall an Blättern und Gescheinen, und zu späteren Zeitpunkten auch an Beeren, die zu Lederbeeren mumifizierten, war die Folge.

Der Infektionszyklus beginnt im Frühjahr mit der Keimung der Wintersporen, die die Rebe bei Erscheinen der ersten Blätter nach einem Regen infizieren können. Als Faustregel gilt hier die bekannte 10er-Regel, nach der bei einer Tagesdurchschnittstemperatur von 10°C, einer Trieblänge von 10cm und einem Niederschlag von 10mm innerhalb von 2-3 Tagen eine Primärinfektion erfolgen kann. Sofern keine eigene Wetterstation zur Überwachung der Wetteraten zur Verfügung steht, können Informationen über die Agrarwetterdienste abgerufen werden. Wichtige Hinweise zur Befallssituation liefern die Warndienste. Sobald die Infektionsbedingungen erfüllt sind, ist von einer Primärinfektion auszugehen. Ab diesem Zeitpunkt muss auf einen möglichen Befall kontrolliert bzw. eine Bekämpfung vorgenommen werden. Die erste Applikation kann entweder direkt vor der erwartenden Primärinfektion oder innerhalb der ersten Inkubationszeit (Zeitraum zwischen der Infektion und dem Auftreten der ersten Ölflecke) erfolgen. In beiden Fällen kann ein Kontaktmittel eingesetzt werden. Sofern ab diesem Zeitpunkt ein lückenloser Schutz über die Saison hinweg besteht, wird mit dieser ersten Spritzung ein früher Befallsaufbau wirkungsvoll unterbunden. Als nachteilig muss die Tatsache angesehen werden, dass die Notwendigkeit dieser Spritzung erst nach Erscheinen der ersten Ölflecke feststeht. Falls trotz günstiger Witterungsbedingungen keine Infektion erfolgte, war diese Spritzung quasi umsonst. Daher besteht die Möglichkeit, die erste Applikation erst nach Sichtbarwerden der ersten Ölflecke vorzunehmen. Es wird empfohlen, diese Spritzung vor Ablauf der zweiten Inkubationszeit durchzuführen, denn bei Regen oder Tau werden große Mengen an Sporen freigesetzt, die zu einem massiven Befall führen können. Bei der Befallsbeobachtung sollte auch auf versteckte Infektionen (z. B. am Stielgerüst ) geachtet werden. In gefährdeten Anlagen sollte insbesondere bei frühem Austrieb und häufigem Regen früh mit einer Behandlung begonnen werden. Bei Spritzungen gegen Oidium kann ein Peronospora-Mittel zugesetzt werden. Behandlungen gegen Phomopsis können die Rebenperonospora ebenfalls miterfassen. Bei zügigem Wachstum sind kurze Spritzabstände einzuhalten. Dies gilt besonders für den Zeitrum um die Blüte bis zur deutlichen Beerenvergrößerung. Bei sich länger hinziehender Blüte sollte eine Zwischenbehandlung und bei stark unterschiedlichem Blüteverlauf eine gestaffelte Behandlung in die „abgehende Blüte“ erfolgen.

Vorbeugende Bekämpfung durchführen

Zur Bekämpfung stehen reine Kontaktmittel und Kombipräparate, die neben einem Kontaktwirkstoff auch eine tiefenwirksame Komponente enthalten, zu Verfügung. Die beste Wirkung wird generell bei einer vorbeugenden Behandlung erreicht, da hierbei die Wirkung der Kontaktkomponente voll ausgenutzt wird. Reine Kontaktmittel wirken nur vorbeugend und besitzen keine kurativen Eigenschaften. Wenn erste Ölflecke beobachtet werden, wird empfohlen, vor allem tiefenwirksame Mittel einzusetzen. Die Kurativleistung der meisten Präparate ist aber nur innerhalb der ersten 24 Stunden nach einer Infektion in ausreichendem Maße gegeben und fällt mit zunehmendem Abstand stark ab. Generell muss zur Vermeidung einer Resistenzbildung ein konsequenter Wirkstoffwechsel vorgenommen werden. Dem Praktiker stehen hierzu zahlreiche Fungizide (Tabelle unter www.der-deutsche-weinbau.de) zur Verfügung. aktuelle Zulassungssituation aus www.rebschutz.de

Literaturverzeichnis

  • B. Altmayer, J. Eichhorn, B. Fader, A. Kortekamp, R. Ipach, U. Ipach, H.-P. Lipps, K.-J. Schirra, B. Ziegler (2013): Sachkunde im Pflanzenschutz (Weinbau). 8. überarbeitete Auflage. Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz, Abteilung Phytomedizin. Neustadt an der Weinstraße. 

~Index Fungorum

Weblinks