Integrierter Pflanzenschutz

Aus Vitipendium
Wechseln zu: Navigation, Suche

In § 3 Abs. 1 des Pflanzenschutzgesetzes wird die Einhaltung der allgemeinen Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes gemäß Anhang III der Richtlinie 2009/128/EG gefordert. Ab 2014 sind diese Grundsätze verpflichtend anzuwenden. Es wird bestimmt, dass Pflanzenschutz nur nach guter fachlicher Praxis durchgeführt werden darf. Im weiteren Verlauf heißt es dort: „Zur guten fachlichen Praxis gehört, dass die Grundsätze und der Schutz des Grundwassers berücksichtigt werden.“

Was unter integriertem Pflanzenschutz im Sinne des Gesetzes zu verstehen ist, wird in § 2 bestimmt:

„eine Kombination von Verfahren, bei denen unter vorrangiger Berücksichtigung biologischer, biotechnischer, pflanzenzüchterischer sowie anbau- und kulturtechnischer Maßnahmen die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel auf das notwendige Maß beschränkt wird.“



Schadensschwellenprinzip

Nicht immer ist das Auftreten von Krankheiten und Schädlingen an Kulturpflanzen auch mit bedeutenden Ertrags-, Qualitäts- und Einkommensverlusten verbunden. Eine chemische Bekämpfung sollte erst dann durchgeführt werden, wenn der zu erwartende Schaden höher als die Kosten für eine Behandlung liegt (Prinzip der wirtschaftlichen Schadensschwelle). Die wirtschaftliche Schadensschwelle gibt die Befallsstärke an, die unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte gerade noch geduldet werden kann.

Einsatzoptimierung

Die Befallsprognose (Vorhersage eines Befalls) ist in vielen Fällen die Voraussetzung für gezielte Bekämpfungsmaßnahmen. Dafür müssen neben der Witterung (Temperatur, Feuchtigkeit) das Entwicklungsstadium der Kulturpflanze sowie das Auftreten des Schaderregers (Krankheit, Schädling) und seine Ansprüche an die Witterungsbedingungen berücksichtigt werden. Im Weinbau dient zum Beispiel die Beobachtung des Mottenflugs beim Traubenwickler zur Festlegung des Bekämpfungstermins gegen den Heu- oder Sauerwurm. Für die gezielte Bekämpfung des Falschen Mehltaus der Rebe muss der Zeitpunkt einer möglichen Infektion prognostiziert werden. Dazu ist ein möglichst dichtes Netz agrarmeteorologischer Messstationen notwendig, mit deren Hilfe die lokalen Temperaturbedingungen, die Luftfeuchte und Blattnässedauer erfasst werden. Anhand dieser Daten können mögliche Infektionszeitpunkte ermittelt und gegebenenfalls Bekämpfungsmaßnahmen eingeleitet werden.

In Rheinland-Pfalz werden u. a. diese Daten durch den amtlichen Rebschutzdienst ermittelt und auf verschiedenen Wegen (E-Mail, Fax, Internet) an die Praxis weitergegeben. Durch Forschungsarbeiten, Versuche, allgemeine und individuelle Beratung unterstützt der amtliche Rebschutzdienst die Winzer aber auch in allen anderen Bereichen darin, die Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes in die Praxis umzusetzen.

Aufgrund von Aufzeichnungen über die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und der Überwachung der Schadorganismen muss der Erfolg der angewandten Pflanzenschutzmaßnahmen überprüft werden.


Rebschutz

Biologische und biotechnische Verfahren

Auch die vorrangige Anwendung biologischer, biotechnischer, physikalischer und anderer nicht-chemischer Verfahren mit deren Hilfe auf den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln ganz oder teilweise verzichtet werden kann ist ein wesentlicher Grundsatz des integrierten Pflanzenschutzes. Speziell für den Rebschutz gibt es einige Methoden, die sich bereits seit vielen Jahren in der Praxis bewährt haben. Dazu gehören etwa die Förderung von Nützlingen (Raubmilben) und der Einsatz von Pheromonen oder Bacillus thuringiensis (B. t.) – Präparaten zur Traubenwicklerbekämpfung. Auch die Pflanzung von Pfropfreben zur Reblausbekämpfung kann zu den biotechnischen Verfahren gezählt werden.

Anbau- und kulturtechnische Maßnahmen

Auch anbau- und kulturtechnische Maßnahmen leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesunderhaltung von Kulturpflanzen. Im Weinbau können Fehler bei der Anlage oder Bewirtschaftung der Weinberge Probleme mit Krankheiten, Schädlingen und physiologischen Störungen (z. B. Stiellähme) schaffen oder verschärfen. Beispiele dafür sind übertriebene Wüchsigkeit, schlechte Durchlüftung der Laubwand oder die Wahl einer für den Standort ungeeigneten Sorte und/oder Unterlage.

Sorten- und Unterlagswahl
Sortenunterschiede in der Krankheitsanfälligkeit sind zwar bekannt, spielen aber bei der Auswahl einer Rebsorte häufig eine untergeordnete Rolle. Vor allem die Vermarktungsfähigkeit des Weines und die Standort- und Bodenansprüche bestimmen die Sortenwahl. Dennoch sollten z. B. Sorten mit bekannt hoher Anfälligkeit gegen Oidium (z. B. Kerner, Portugieser, Silvaner) nicht an solchen Standorten gepflanzt werden, an denen erfahrungsgemäß ein hoher Infektionsdruck durch diesen Krankheitserreger herrscht. Mittlerweile sind auch einige interspezifische Kreuzungen zugelassen, die widerstandsfähig gegen Peronospora und teilweise auch gegen Oidium sind. In der Praxis etabliert hat sich bisher vor allem die Rotweinsorte Regent.

Bei der Wahl der Unterlage ist zu beachten, dass zu stark wüchsige Anlagen anfälliger gegenüber Krankheiten sind. Die Unterlage muss sorgfältig auf die Bodenart, den Standraum und die edelreisspezifischen Eigenschaften abgestimmt werden. So ist z. B. eine Kombination der stark wüchsigen Unterlage 5BB mit dem zu Bodentrauben neigenden Riesling nur auf schwachwüchsigen Böden oder in Anlagen mit sehr weiten Standräumen vertretbar.

verrieselungs- und stiellähmegefährdete Standorte
SO4, Binova, 5C, 8B, Börner
chlorosegefährdete Standorte
SO4, Binova, 8B, 125AA, 5BB

Anlageform, Erziehung, Laubarbeiten
Weiträumig gepflanzte Rebanlagen sind weniger durch Pilzkrankheiten bedroht, da Blätter und Trauben wegen der besseren Durchlüftung nach Regenfällen schneller abtrocknen. Daher sollten auch die Bogreben nicht übereinander gebogen werden. Der Bau des Drahtrahmens und der richtige Abstand der Biegdrähte voneinander sorgen dafür, dass die Trauben nicht zu dicht beieinander hängen. Die Spaliererziehung mit einer oder zwei Bogreben und einem passenden Stockabstand ist bei Gassenbreiten zwischen 1,80 und 2,20 m ein vorteilhaftes Anbausystem.

Sorgfältige Laubarbeiten verbessern die Durchlüftung der Anlage und beschleunigen das Abtrocknen der Laubwände. Dazu gehören auch das rechtzeitige Ausbrechen der Wasserschosse und ein termingerechter Laubschnitt, solange die Triebe noch gerade stehen. Durch die Auswirkungen des Klimawandels sind die Trauben während ihrer Reife durch Botrytis und andere Traubenfäulen stärker gefährdet. Eine gute Durchlüftung der Traubenzone und eine lockere Traubenstruktur können dieser Gefahr sehr wirkungsvoll begegnen.

Zur Förderung der Durchlüftung erfolgt eine Teilentlaubung der Traubenzone. Während Weißweinsorten in der Regel nur einseitig auf der wetterabgewandten Seite entblättert werden, empfiehlt es sich, dichtlaubige Rotweinsorten beidseitig zu bearbeiten. Um dabei Sonnenbrandschäden an Trauben zu vermeiden, sollten diese Arbeiten entweder sehr frühzeitig bis zur Schrotkorngröße oder später nach dem Beginn der Reife durchgeführt werden. In nachfolgender Tabelle sind Maßnahmen zur Förderung einer lockeren Traubenstruktur zusammengefasst.

Maßnahmen zur Förderung einer lockeren Traubenstruktur
Zeitraum Maßnahme
vor der Rebblüte:
  • Gescheine abreiben
  • Sehr frühe Entblätterung zur Förderung der Verrieselung
während der Rebblüte: Einsatz von Bioregulatoren (Sorteneignung beachten)
kurz nach der Rebblüte: Trauben abstreifen
bis Traubenschluss: Trauben halbieren


Rebenernährung/Düngung
Eine gezielte bedarfsgerechte Nährstoffversorgung ist für Vitalität und Gesundheit der Reben sowie die Qualität der Weine eine zwingende Voraussetzung. Dabei sind sowohl die Nährstoffentzüge und –verluste als auch die Bodenvorräte zu berücksichtigen. Gleiches gilt für die ökologischen Auswirkungen der Düngung auf Grund- und Oberflächenwasser, sowie die Atmosphäre. siehe dazu Düngung im Weinbau

Einzelnachweise


Literaturverzeichnis

B. Altmayer, J. Eichhorn, B. Fader, A. Kortekamp, R. Ipach, U. Ipach, H.-P. Lipps, K.-J. Schirra, B. Ziegler (2013): Sachkunde im Pflanzenschutz (Weinbau). 8. überarbeitete Auflage. Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz, Abteilung Phytomedizin. Neustadt an der Weinstraße.