Grauschimmel

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Grauschimmel
Botrytis cinerea
Botrytis riesling.jpg
Botrytis cinerea an Riesling
Systematik
Abteilung Schlauchpilze
Ascomycota
Unterabteilung Echte Schlauchpilze
Pezizomycotina
Klasse Leotiomycetes
Ordnung Helotiales
Familie Sclerotiniaceae
Gattung Botrytis
Hauptfruchtform Botryotinia
Nebenfruchtform Botrytis
infiziertes Blütenkäppchen
Gescheinsbotrytis
Holzbefall
Holzbefall Nahaufnahme

Grauschimmel (Botrytis cinerea) ist ein nicht wirtsspezifischer Parasit, der an der Rebe parasitisch grünes Rebengewebe schädigen, aber auch saprophytisch an verholzten Rebteilen und Trauben wachsen kann. Bei länger andauernder Feuchtigkeit überziehen sich alle von dem Pilz befallenen Pflanzenteile (Blätter, Triebe, Trauben, Holz) mit einem für Botrytis typischen, grauen Pilzbelag (Grauschimmel).

Lebensweise

Die Überwinterung des Pilzes erfolgt sowohl als Myzel als auch durch Dauerorgane (Sklerotien) an befallenen Pflanzenteilen. Während das Sklerotium als Winterform erst im Frühjahr wieder Sporen (Konidien) bildet, kommt bei unseren klimatischen Verhältnissen das Wachstum des Myzels auch im Winter praktisch nicht zum Stillstand. Von der Rinde wächst das Myzel in die Winterknospe ein, was im Frühjahr beim Austrieb zu Augenausfällen führen kann. Bei extremer Feuchtigkeit werden vom Myzel auch junge Triebe befallen.
Der weitere Befall erfolgt durch Sporenflug. Durch Sporen können alle Rebteile befallen werden. Eine Keimung der Sporen und Infektionen erfolgen bei lang anhaltender Blattnässe (mindestens etwa 12 h). Für die Ausbreitung des Myzels ist jedoch lediglich erhöhte Luftfeuchtigkeit erforderlich. Optimale Entwicklungsmöglichkeiten bestehen bei Temperaturen ca. zwischen 20°C und 28 °C. Als Schwächeparasit tritt der Pilz vornehmlich dort auf, wo schon abgestorbenes oder beschädigtes Pflanzengewebe vorhanden ist. Infektionen werden insbesondere durch sehr weiches Gewebe (beispielsweise durch Stickstoff-Überversorgung) oder Beschädigungen des Gewebes (zum Beispiel durch Hagel) erleichtert. Der Pilz kann aber auch die intakte Oberfläche der Beeren und Blätter durchdringen. Durch den Befall wird das Gewebe zerstört, was sich optisch in der typischen Braunverfärbung zerstörter Zellen zeigt. Der Blattbefall ist wirtschaftlich nicht von Bedeutung. Problematisch ist vor allem der Traubenbefall, der in allen Entwicklungsstadien der Traube möglich ist.
Als Sauerfäule bezeichnet man den Befall der Beere bis etwa 60 °Öchsle. Begünstigt wird dieser Befall, wenn sich die jungen Trauben schlecht „putzen“, d. h. wenn Blütenrückstände länger in der Traube verbleiben und bei feuchter Witterung in Fäulnis übergehen. Gleiches gilt auch für verbliebene Heuwurmgespinste.
Oftmals wird der Botrytisbefall kurz nach der Blüte nicht sofort sichtbar, weil der in dieser Phase noch sehr hohe Säuregehalt der Beeren die Ausbreitung der Krankheit hemmt. Erst etwa ab Reifebeginn tritt auch diese frühe Infektion zu Tage. Werden Beeren durch äußere Einflüsse, wie z.B. Hagel oder Sauerwurmbefall, verletzt, siedelt sich auch hier bei entsprechender Witterung schnell Botrytis an. Ist die Infektion durch verletztes Gewebe erst einmal gesetzt, steigt der Infektionsdruck so an, dass dann auch benachbartes gesundes Gewebe befallen wird. Damit kann es zur starken Ausbreitung von Botrytis kommen.
Botrytisbefall des Stielgerüsts wird als Stielfäule bezeichnet. Die Stiele büßen ihre Leitbahnfunktion ein, verlieren ihre Festigkeit, die Beeren werden nicht mehr versorgt und die Traube kann abfallen (Bodentrauben). Nur Bodentrauben, die kurz vor der Lese abgefallen sind, können bedingt noch zur Weingewinnung verarbeitet werden. Trauben, die schon längere Zeit auf dem Boden liegen, sind so unreif oder geschmacklich negativ beeinflusst, dass sie zur Weingewinnung nicht mehr geeignet sind.
Wird die bereits lesereife Beere (ab ca. 60 °Oe) befallen, kann es zur Edelfäule kommen. Die Beerenhaut wird porös, das Wasser aus der Beere verdunstet, und die übrigen Beereninhaltsstoffe werden konzentriert. Dies ermöglicht die Gewinnung hochwertiger Auslesen, Beeren- und Trockenbeerenauslesen. Voraussetzung dafür ist, dass die porösen Beeren durch starke Regenfälle nicht ausgewaschen werden. Somit ist die Gewinnung edelfauler Trauben mit hohem Risiko verbunden. Bei Rotweinsorten ist der Befall in allen Stadien zusätzlich problema-tisch, da dabei der Farbstoff in der Beerenhaut zerstört wird.
Im Herbst und während milder Winter wird auch das Holz befallen (siehe Überwinterung). Dadurch hellt sich das Holz auf. Damit ist dann der jährliche Befallskreislauf geschlossen. Neben dem bereits geschilderten Augenausfall und dem Befall junger Triebe spielt der Holzbefall bei der Rebenvermehrung eine Rolle. Zunächst wird die Verwachsung der Pfropfpartner gestört. Zusätzlich kann, genau wie bei der erwachsenen Rebe, der junge Austrieb geschädigt werden. Bei unsachgemäßer Lagerung von Pflanzreben zeigt sich dies stellenweise auch noch im Jungfeld.

Bekämpfung

Neben den bereits erwähnten indirekten Bekämpfungsmaßnahmen, die für alle Pilzkrankheiten zutreffen, sind zur indirekten Botrytis-Bekämpfung zusätzlich die Vermeidung zu hoher und zu später Stickstoff-Gaben bzw. eine Stickstoffmobilisierung durch zu späte Bodenbearbeitung (Förderung von Beeren- und Stielfäule) anzuführen. Das Ausblasen der Blütenreste kurz nach der Blüte verringert effektiv den Infektionsdruck, der im Herbst vom Inneren der reifen Trauben ausgeht. Auch die Teilentblätterung der Traubenzone sowie Maßnahmen zur Auflockerung der Traubenstruktur (z.B. Traubenteilen) sind wirksame Methoden der indirekten Botrytis-Bekämpfung.
Eine direkte Bekämpfung des Befalls der Winterknospen ist nicht möglich und des Befalls der jungen Triebe nur bedingt möglich, in der Regel aber auch nicht notwendig. Die Bekämpfung späterer Infektionen muss vorbeugend erfolgen. Als Pflanzenschutzmittel stehen vor allem Spezialbotrytizide zur Verfügung. Entsprechende Wirkstoffe sind auch in Mischpräparaten zur Oidium-Bekämpfung enthalten.
Ein Problem bei der chemischen Bekämpfung ist die Fähigkeit des Pilzes, gegen einzelne Wirkstoffe eine Resistenz auszubilden. Daher ist es zwingend notwendig, Spezialbotrytizide mit Wirkstoffen aus der gleichen Wirkstoffgruppe nicht zu häufig anzuwenden, sondern die Wirkstoffe zu wechseln (siehe auch Abschnitt 4.1.1.2). Als Faustformel gilt, dass jeder Wirkstoff nur einmal in der Saison eingesetzt werden soll.
Zur Bekämpfung von Stiel- und Beerenfäule bieten sich drei wichtige Termine zum Einsatz von Spezialbotrytiziden bzw. von Mitteln mit einer Zusatzwirkung gegenüber Botrytis an:

  • Spritzung in die abgehende Blüte (ES 68), um frühe Infektionen abzustoppen
  • Spritzung kurz vor Traubenschluss (ES 77), um das Innere der Trauben zu schützen
  • Abschlussspritzung bei Reifebeginn (ES 81), um eine Fäulnis möglichst zu vermeiden


Aktuelle Zulassungssituation aus PS Info

Einzelnachweise


Literaturverzeichnis

Dr. Bernd Altmayer, Dr. Joachim Eder, Dr. Josef Eichhorn, Beate Fader, Dr. Claudia Huth, Daniela Kameke, Dr. Andreas Kortekamp, Roland Ipach, Dr. Ulrike Ipach, Hans-Peter Lipps, Siegfried Reiners, Dr. Karl-Josef Schirra, Joachim Schmidt, Dr. Christine Tisch, Dr. Ruth Walter (2020): Sachkunde im Pflanzenschutz (Weinbau). 10. überarbeitete Auflage. Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz, Abteilung Phytomedizin. Neustadt an der Weinstraße. 


Weblinks